Begegnungen durch Tanz und Musik: Ein Einblick in die Education-Arbeit des Klavier-Festivals Ruhr

Okt. 20, 2025 | Bildung, Kultur

Knapp zwei Dutzend Mädchen und Jungen stehen auf dem Schulhof, reihen sich auf. Sie sehen verängstigt aus, scheinen auf der Hut zu sein. Schnelle Blicke wandern nach links und rechts, ihre Haltung geduckt, die Hände schützend vor dem Körper verschränkt. Plötzlich gehen weitere Schülerinnen und Schüler an ihnen vorbei, ihre Haltung erhoben, mächtig, überlegen. Die anderen ducken sich darauf noch weiter, bis ein paar der kauernden Jugendlichen herausgepickt und gepiesackt werden, scheinbar wahl- und grundlos. Doch schließlich erhebt sich die Masse und macht sich gemeinsam stark, bezwingt die Peiniger, bis schließlich ein Sturm kommt und alles wegfegt.

Die Kinder der Grundschule „Sandstraße“ in Duisburg-Marxloh klatschen, als das Video endet. Sie sind sichtlich begeistert von der Choreografie der älteren Schülerinnen und Schüler im Video, deren Aufgabe es war, die avantgardistische Musik Pierre Boulez’ tänzerisch zu interpretieren, sich eine eigene Geschichte auszudenken. „Was habt ihr gesehen?“, fragt die Tanzpädagogin Petra Jabavy die Kinder. Die Mädchen und Jungen erzählen, wie sie das Gezeigte verstehen und kommen gemeinsam auf die Botschaft, die Frau Jabavy zuvor mit den Jugendlichen des Knapp-Gymnasiums in Marxloh erarbeitet hat. Ein wichtiger Schritt – denn jetzt sollen sich die Grundschulkinder eine Fortführung der Geschichte überlegen und choreografisch umsetzen. Dafür geht es als nächstes vom Klassenzimmer in die Aula.

 

Tanzpädagogin Petra Jabavy mit der „Mausklasse“ der GGS Sandstraße und der 6a des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums bei der Aufführung der gemeinsamen Choreografie.

 

Kreative Förderung mit nachhaltiger Wirkung

Kreativ bilden, langfristig fördern – das ist das Motto der Education-Arbeit unseres kulturelles Leitprojekts, dem Klavier-Festival Ruhr. Seit 2006 arbeitet das Projekt zusammen mit Schulen und Kindertagesstätten insbesondere aus sozial-benachteiligten Stadtteilen des Ruhrgebiets zusammen, um die Kinder musisch zu begleiten, seit 2008 auch an den Duisburg-Marxloher Schulen, an denen die Education-Arbeit fest in die Stundenpläne verankert ist. Das Ziel, Kinder und Jugendliche nachhaltig und langfristig zu fördern und für Musik und Tanz zu begeistern, wurde bereits vielfach ausgezeichnet.

In der Aula angekommen, sammeln sich die Grundschulkinder der GGS Sandstraße in einem großen Kreis, um sich mit Yoga erst körperlich, dann mit Klatschspielen rhythmisch warmzumachen. Hier zeigt sich aber auch, dass Kinder eben Kinder sind: Selbst mit Bewegungsübungen fällt es einigen schwer, sich am frühen Nachmittag noch zu konzentrieren. Mit ein bisschen Motivation und den richtigen Worten erhalten die geschulten Pädagoginnen jedoch gekonnt wieder die Aufmerksamkeit der jungen Tanzwilligen.

Neben Petra Jabavy und der Klassenlehrerin Berit Nienhaus hilft Hannah Schütz den Kindern bei ihrer musischen Weiterbildung. Sie arbeitet seit 2021 für die Education-Arbeit des Klavier-Festivals als Projektmanagerin. Ihr Schwerpunkt liegt in der inhaltlichen Konzipierung für die kooperierenden Schulen. „Sowohl für die jüngeren als auch die älteren Schülerinnen und Schüler ist die altersübergreifende Begegnung eine wichtige Erfahrung“, erklärt Projektmanagerin Hannah Schütz. „Zunächst erarbeiten die Gruppen grundlegenden tänzerischen und musikalischen Kompetenzen getrennt voneinander. So kann auf die unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eingegangen werden und jede Gruppe entwickelt ihre eigenen Bewegungsmaterialien. Aus den zuvor erarbeiteten Elementen entsteht dann eine gemeinsame Choreografie. Die Schülerinnen und Schüler lernen, stückweit aus ihrer sozialen Komfortzone herauszukommen, ohne aber überfordert zu werden und entwickeln wichtige Kompetenzen im Umgang miteinander. Auch die Kreativität erhält durch das gemeinsame Arbeiten noch einmal Flügel.“

Fertig aufgewärmt gilt es nun, die Stücke 3 und 4 der Komposition Douze Notations Pierre Boulez’ tänzerisch umzusetzen und die Choreografie der älteren Schülerinnen und Schüler des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums zu erweitern. Nach mehrfachem Hören überlegen sich die Kinder gemeinsam, wie die avantgardistischen Klänge zu verstehen sind und wandeln sie in Tanzschritte um. Hierbei zeigt sich, dass der Kreativität der jungen Talente keine Grenzen gesetzt sind: Es muss nicht erst viel nachgedacht werden, bis sich Boulez’ Kunst visuell in der Aula wiederfindet. Die allermeisten brauchen auch nicht lange, um sich die neu ausgedachte Choreografie einzuprägen. Was besonders schön zu sehen ist: Diejenigen, die bei den neuen Tanzschritten noch ein paar Anlaufschwierigkeiten haben, werden nicht einfach von den anderen Kindern zurückgelassen. Ohne, dass die Pädagoginnen etwas sagen müssen, helfen sich die Mädchen und Jungen gegenseitig beim Erlernen der Performance. Eine Selbstverständlichkeit, die das Herz berührt.

 

Begegnung, Zusammenhalt und gemeinsames Wachsen

Gemeinsam tanzen die Grundschulkinder mehrfach ihren Anteil an der Choreografie, prägen sich die neue Abfolge ein und werden immer sicherer in der Ausführung. Dass die Kinder nicht nur tänzerisch, sondern auch im Umgang mit Instrumenten geschult werden, zeigt sich nun ebenfalls: Ein paar der Schülerinnen gaben den anderen der „Mausklasse“ eine Melodie auf dem Xylophon vor, zu der sie die heute ausgedachte Choreografie zusätzlich üben. Auch hier offenbart sich eine musikalische Selbstsicherheit im Umgang mit dem Instrument, zu der vermutlich nur Kinder imstande sind.

Ein zentraler Faktor für die Education-Arbeit des Klavier-Festivals Ruhr ist die Begegnung. Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Schulen, verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft sollen in schulübergreifenden Projekten in Kontakt kommen. So auch die „Mausklasse“ der GGS Sandstraße. Im Anschluss an die mehrmonatige Vorbereitung werden die Jungen und Mädchen bald ihr Begegnungstreffen mit den älteren Schülerinnen und Schülern des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums haben. Die Gruppen werden sich dann öfters zu gemeinsamen Proben treffen, um den letzten Schritt zu erarbeiten: die gemeinsame Choreografie der letzten, elften und zwölften Szenen von Pierre Boulez’ Komposition, die sie als krönenden Abschluss des bisher Entwickelten auf der Bühne aufführen.

Über die Jahre hat sich das Format erfolgreich etabliert. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler verschiedenen Alters, auch die Lehrkräfte, Eltern und nicht zuletzt die Festival-Besucherinnen sind begeistert von der pädagogischen Arbeit unseres kulturellen Leitprojekts. Jedes Jahr sind die Tanzaufführungen von Kindern und Jugendlichen, die im Rahmen der Education-Arbeit entstehen, Teil der Festival-Saison.

Tickets für die Konzerte der kommenden Saison bekommen Sie hier.