Zugegeben: Münster liegt nicht mehr im Ruhrgebiet. Aber die Frau an der Spitze von Deutschlands größtem Lotterieanbieter WestLotto, mit Sitz in Münster, kommt aus Essen und pflegt eine besonders emotionale Beziehung zu ihrer Heimatstadt. Im Interview mit dem Initiativkreis-Magazin spricht Christiane Jansen über die Bedeutung der Ehrenamtsförderung, Anerkennung und über das überdurchschnittlich hohe Engagement im Ruhrgebiet.
WestLotto fördert seit Jahren das Ehrenamt in NRW. Warum macht sich die staatliche Lotteriegesellschaft Nordrhein-Westfalens für das Ehrenamt stark?
Im Zusammenhang mit unserem Geschäftsmodell ist das sogar naheliegend. Viele der gemeinwohlorientierten Organisationen, die von Lotteriegeldern profitieren, kommen aus dem Ehrenamt, seien es Sportvereine, Tierschutzorganisationen oder das Deutsche Rote Kreuz. Wir nennen es das Lotto-Prinzip: Demnach gehen rund 40 Prozent der Spieleinsätze von WestLotto an den Landeshaushalt und von dort an das Gemeinwohl. Für mich persönlich hat das auch mit Überzeugung zu tun. Die Ehrenamtlichen sind ein Eckpfeiler unserer offenen, demokratischen Gesellschaft. Und auch wir als Unternehmen profitieren von stabilen Verhältnissen. Deshalb sind wir bei WestLotto überzeugt, dass es wichtig ist, das Ehrenamt weiter zu stärken.
Kürzlich haben Sie mit dem EhrenamtAtlas neue Daten zum ehrenamtlichen Engagement in NRW vorgestellt. Was ist der EhrenamtAtlas genau?
Mit dem EhrenamtAtlas machen wir freiwilliges Engagement messbar. Was müsste die Gesellschaft an finanziellen Mitteln aufbringen, um die ehrenamtliche Arbeit zu bezahlen? Wenn wir das sichtbar machen, konkrete Zahlen nennen und aufschlüsseln, wie viele Menschen sich ehrenamtlich engagieren, wie viel Zeit sie dafür aufwenden und in welchen Regionen sie besonders aktiv sind, dann steigt vielleicht auch die Achtung für das Ehrenamt. Der EhrenamtAtlas zeigt bis in alle 53 Kreise und kreisfreien Städte in NRW, wie es den Engagierten geht. Das ist eine einzigartige Datentiefe – und sie erlaubt es Politik, Unternehmen und gemeinwohlorientierten Organisationen Vergleiche anzustellen und ganz konkrete Schlüsse zu ziehen, wie sie den Ehrenamtlichen vor Ort helfen können.
Für uns als Unternehmen ist der EhrenamtAtlas damit auch eine Möglichkeit, Verantwortung für die Menschen im Land zu übernehmen. Denn klar ist: Ehrenamtliches Engagement ist buchstäblich unbezahlbar. Laut EhrenamtAtlas ist die Arbeit der Ehrenamtlichen in ganz Nordrhein-Westfalen 24,5 Mrd. Euro wert – wenn man ihnen den aktuellen Mindestlohn zahlen würde. Allein im Ruhrgebiet kommen wir auf einen Gegenwert von 7,3 Milliarden Euro für die ehrenamtliche Arbeit.
Welche Zahlen liefert der “EhrenamtAtlas” außerdem zum Engagement im Ruhrgebiet?
Im Ruhrgebiet ist das Engagement besonders hoch, was mich als gebürtige Essenerin natürlich freut. 50 Prozent der Menschen im Ruhrgebiet sind ehrenamtlich aktiv, insbesondere in Sportvereinen und – das ist vielleicht überraschend – im Bereich Religion. Für ihre ehrenamtliche Arbeit wenden sie im Schnitt 4,7 Stunden pro Woche auf. Auch das Quartiersengagement ist im Ruhrgebiet hoch, von der Organisation eines Stadtteilflohmarkts bis zum Einsatz als Lesepatin oder -pate zweimal in der Woche an Grundschulen. Dieses Kümmern im Kleinen ist im Ruhrgebiet besonders ausgeprägt, auch im nachbarschaftlichen Kontext. Ich habe das selbst erlebt, als ich im Essener Norden und Westen gelebt habe: Das ehrenamtliche Engagement findet durch alle Schichten hindurch statt und ist gerade in den ärmeren Stadtteilen besonders ausgeprägt.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das ehrenamtliche Engagement unter Druck steht. Das Engagement der unter 30-Jährigen ist beispielsweise drastisch gesunken. Dem Ehrenamt in NRW droht damit eine riesige Nachwuchslücke. Laut EhrenamtAtlas haben junge Menschen zwar ein hohes Interesse, sich ehrenamtlich zu engagieren. Nur haben sie dafür durchschnittlich weniger Zeit als junge Menschen vor 20, 30 Jahren, weil Ausbildung und Studium heute verschulter sind und mehr Zeit pro Woche in Anspruch nehmen.
Was bedeuten die Zahlen für Ihr Engagement?
Bei uns im Unternehmen haben die Erkenntnisse aus dem EhrenamtAtlas dazu geführt, dass wir uns umso intensiver mit dem Ehrenamt beschäftigen und versuchen, es zu stärken. Ein Beispiel: Fast die Hälfte der Ehrenamtlichen in Nordrhein-Westfalen fühlt sich für ihr Engagement zu wenig wertgeschätzt. Dabei ist Anerkennung der eigentliche Lohn im Ehrenamt, und der wird offenbar noch zu selten gezahlt, weil wir als Gesellschaft das ehrenamtliche Engagement oft als eine Selbstverständlichkeit betrachten. Wir versuchen, auf drei Ebenen zu helfen: Wir wollen Ehrenamt möglich, attraktiv und sichtbar machen.
Ende August haben Sie die Gründung der Bingo!-Ehrenamtsstiftung NRW bekannt gegeben. Damit werden ehrenamtliche Projekte mit Bezug zu NRW mit 1.000 bis 5.000 Euro gefördert. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Für uns ist die Stiftungsgründung die logische Konsequenz aus den Ergebnissen des EhrenamtAtlas. Wir wollen damit die Lücke füllen, die sich bei der Förderung kleiner Projekte offenbart und damit ganz konkret vor Ort helfen. Es gibt zahlreiche großvolumige Förderungen, aber es gibt besonderen Bedarf für alles, was zwischen 1.000 und 5.000 Euro liegt. Oftmals sind Fördermöglichkeiten auch unbekannt oder das Antragsverfahren wird als zu komplex empfunden. Deshalb ist die Förderung durch die Bingo! Ehrenamtsstiftung niedrigschwellig und unkompliziert. Das gesamte Antragsverfahren läuft digital. Gefördert werden Projekte und Aktionen, die das Ehrenamt stärken: von der kleinen Dankeschön-Tasche für verdiente Mitglieder bis hin zu umfassenden Mitgliederkampagnen, beispielsweise im Bereich des Katastrophenschutzes. Die fortlaufende Finanzierung soll aus den staatlichen Konzessionsabgaben der neuen Lotterie Local Hero Bingo! erfolgen.
Sie sind seit 2018 Mitglied im Initiativkreis Ruhr. Warum ist Ihnen dieses Ehrenamt, auch aus dem Münsterland heraus, wichtig?
Das Ruhrgebiet ist ein riesiger Ballungsraum und die meisten unserer Annahmestellen gibt es tatsächlich hier. Allerdings: Wo das Ruhrgebiet anfängt und wo es aufhört, ist auch eine emotionale Frage (lacht). Zur Wahrheit gehört auch, dass das Ruhrgebiet stärker von Armut betroffen ist als andere Regionen Nordrhein-Westfalens. Zugleich steht es wie kaum eine andere Region für unser Bundesland – und nicht zuletzt ist das Ruhrgebiet meine Heimat.
Sie sind in Essen geboren und aufgewachsen. Wie stark fühlen Sie sich dem Ruhrgebiet verbunden?
Ich bin in Kray geboren und finde Essen großartig. Mein Großvater väterlicherseits war im Bergbau tätig. Wenn wir Besuch von außerhalb bekamen, dann sagten die oft, hübsch-hässlich habt ihr es hier. Die Unterschiede zwischen Norden und Süden sind in Essen enorm – auch heute noch. Aber ich habe den Eindruck, dass sich einiges tut. Es ist eine einzigartige Mischung aus Industriegeschichte, kultureller Vielfalt und Wandel. Emotional fühle ich mich dem Ruhrgebiet und vor allem Essen immer noch sehr verbunden. Aber Münster ist auch schön!





