„Das Ruhrgebiet hat Vorbildcharakter für ganz Deutschland“: Thomas Buschmann und Victoria Köcher über die regionale Führungsstrategie der Deutschen Bank

Thomas Buschmann und Victoria Köcher (Managing Director & Leiter Region West und Leiter Unternehmensbank Nordwest | Director & Leiterin Marktgebiet Wealth Management Essen, Deutsche Bank)

In diesem Jahr feiert die Deutsche Bank ihr 100. Jubiläum an ihrem ältesten Standort an der Ruhr: der Lindenallee in Essen, wo das Bankhaus bereits seit 1925 residiert. Auf der Düsseldorfer Königsallee unterhält die Deutsche Bank in einem historischen Gebäude von 1904 ihren Hauptsitz in Nordrhein-Westfalen und beschäftigt dort 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dies unterstreicht die tiefe Verwurzelung der Deutschen Bank in NRW, die im Bundesland 7.000 Mitarbeitende beschäftigt. Insbesondere gelte das für das Ruhrgebiet, wie Thomas Buschmann betont. Er ist Sprecher der Geschäftsleitung der Region West der Deutschen Bank mit Sitz in Düsseldorf, Vorsitzender des Bankenverbandes Nordrhein-Westfalen und Persönliches Mitglied im Initiativkreis Ruhr. Im Interview bescheinigt er dem Ruhrgebiet nicht nur eine starke wirtschaftliche Performance, sondern sieht die Region sogar in mehreren Bereichen in einer Vorreiterrolle für ganz Deutschland.

Herr Buschmann, der Initiativkreis Ruhr wäre ohne die Deutsche Bank nicht denkbar gewesen – Alfred Herrhausen war Initiator unseres Wirtschaftsbündnisses und bis zu seinem tragischen Tod 1989 der erste Moderator des Initiativkreises. Wie eng sind heute noch die Beziehungen zwischen Frankfurt und dem Ruhrgebiet?

Buschmann: Alfred Herrhausen und sein visionäres Wirken sind tief in der DNA der Deutschen Bank verankert. Er war eine prägende Figur, die das Ansehen unseres Hauses mit staatsmännischer Weitsicht in die Welt getragen hat. Sein Erbe, insbesondere die Gründung des Initiativkreises, ist für uns Verpflichtung und Ansporn zugleich. Daher kann ich Ihnen versichern: Das Ruhrgebiet ist und bleibt ein wichtiger Kernmarkt für uns. Unser fast drei Jahrzehnte langes Engagement als Partnerunternehmen im Initiativkreis Ruhr unterstreicht dies. Die Beziehungen sind über die Jahre nicht nur stabil geblieben, sondern stetig gewachsen und heute enger denn je.

Die Deutsche Bank ist in NRW stark vertreten – wo liegen aus Ihrer Sicht die wirtschaftlichen Stärken hier im Westen und speziell im Ruhrgebiet?

Buschmann: Nordrhein-Westfalen ist ein wirtschaftliches Schwergewicht, und das Ruhrgebiet ist sein pulsierendes Herz. Die Fakten sprechen für sich: Mit 19 der umsatzstärksten deutschen Unternehmen und einem BIP, das NRW zur siebtgrößten Volkswirtschaft in der EU machen würde, ist die Stärke des Westens unbestreitbar. Über 700.000 Unternehmen und eine beeindruckende Dichte an Hidden Champions zeugen von dieser enormen Wirtschaftskraft. Speziell im Ruhrgebiet beobachten wir einen bemerkenswert erfolgreichen Strukturwandel. Die Region hat ihre historische Stärke – die „Malocher-Mentalität“ – in eine moderne, zupackende „Anpacker-Mentalität“ transformiert. Das zeigt sich eindrucksvoll in der dynamischen Entwicklung der Startup-Szene. Man darf nie vergessen: Der wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands nach dem Krieg wäre ohne die Montanindustrie des Ruhrgebiets undenkbar gewesen. Heute beweist die Region, dass sie nicht nur Geschichte, sondern vor allem Zukunft hat.

Sehen Sie auch Herausforderungen, die typisch für das Ruhrgebiet sind und die anderen Regionen in Deutschland bzw. Europa nicht kennen?

Buschmann: Die zentrale Herausforderung liegt in der gewaltigen Dimension des Strukturwandels selbst. Es ist ein Prozess, der aufgrund der Größe und industriellen Vergangenheit der Region eine permanente Aufgabe darstellt. Damit verbunden sind konkrete Themen wie der Umgang mit industriellen Altlasten und, ganz aktuell, die Wahrung des sozialen Zusammenhalts in einer Zeit, in der sich der Wandel nicht überall gleich schnell vollzieht. Doch genau hier liegt die besondere Stärke des Ruhrgebiets: Im Umgang mit diesen Herausforderungen hat es eine Expertise entwickelt, die es zu einem Vorbild für ganz Deutschland macht. Die Region ist ein Labor für gelungene Transformation. Wenn es eine Region gibt, die diesen Wandel meistern und als Motor für andere fungieren kann, dann ist es das Ruhrgebiet. Daran habe ich keinen Zweifel.

Wir leben in herausfordernden Zeiten, nicht nur geopolitisch, sondern insbesondere auch wirtschaftlich. Wie nimmt die Deutsche Bank in diesen Zeiten ihre Rolle wahr?

Buschmann: In diesen herausfordernden Zeiten sehen wir unsere Rolle klar definiert: Wir sind der Stabilitätsanker und verlässliche Partner für unsere Privat- und Unternehmenskunden. Unsere Aufgabe ist es, Orientierung und Sicherheit zu geben. Ganz konkret bedeutet das: Wir beraten Unternehmen intensiv bei der Absicherung gegen Zins- und Währungsrisiken oder bei der Optimierung ihrer Lieferketten. Das strategisch wichtigste Thema ist jedoch die nachhaltige Transformation. Klimaneutralität bis 2045 ist das erklärte Ziel für NRW, und wir als Bank sind ein entscheidender Hebel, um dieses Ziel zu erreichen. Wir helfen Unternehmen dabei, die komplexen Anforderungen von ESG – also Kriterien aus Umwelt, Soziales und Unternehmensführung – zu navigieren und als Chance zu begreifen. Denn der Handlungsdruck ist enorm, und eine nachhaltige Ausrichtung ist alternativlos für den langfristigen Erfolg. Diese Verpflichtung gilt für uns als Deutsche Bank in gleichem Maße nach innen wie nach außen.

Können Sie uns die Strategie Ihres Unternehmens, als „Globale Hausbank“ zu agieren, erläutern?

Buschmann: Unsere Strategie als „Globale Hausbank“ vereint das Beste aus zwei Welten. „Hausbank“ steht für die persönliche, vertrauensvolle Beziehung und die tiefe Verwurzelung in der Region. Wir sind der direkte Ansprechpartner vor Ort, der das Geschäft unserer Kunden kennt. „Global“ ist das Versprechen, diese Kunden nahtlos auf die internationalen Märkte zu begleiten. Wir öffnen ihnen unser weltweites Netzwerk und stellen unsere globale Expertise zur Verfügung – sei es bei der Expansion, bei Auslandsinvestitionen oder der Absicherung internationaler Geschäfte. Dieser einzigartige Vorteil, lokale Nähe mit globaler Reichweite zu verbinden, ist der Kern unseres Angebots und wird gerade in unsicheren Zeiten stark nachgefragt.

Sie sind Persönliches Mitglied im Initiativkreis Ruhr. Wie sind Ihre Verbindungen in die Region?

Buschmann: Meine enge Verbindung zur Region ist sowohl beruflicher als auch sehr persönlicher Natur. Als Sprecher der Deutschen Bank für die Region West, die ganz Nordrhein-Westfalen umfasst, ist das Ruhrgebiet ein zentraler Bestandteil meiner Verantwortung. In dieser Funktion und als Persönliches Mitglied im Initiativkreis Ruhr den Wandel aktiv mitgestalten zu dürfen – das empfinde ich als echtes Privileg und als Fortführung des Erbes von Alfred Herrhausen. Meine Wurzeln liegen aber auch hier: Ich bin Ostwestfale, in Enger im Kreis Herford geboren, und hatte schon als Kind durch Verwandte in Gelsenkirchen einen engen Bezug zum Ruhrgebiet. Diese Verbindung wurde 1967 besiegelt, als ich mit fünf Jahren zum ersten Mal auf Schalke war. Seit diesem Tag bin ich dem Verein treu – auch heute in der 2. Bundesliga. Die Hoffnung, eines Tages die Meisterschale in Gelsenkirchen zu sehen, gebe ich nicht auf.

Seit 2023 ist Thomas Buschmann Persönliches Mitglied im Initiativkreis Ruhr. Die Deutsche Bank als Partnerunternehmen trägt für unser Bündnis eine besondere historische Bedeutung, da der einstige Deutsche Bank-Sprecher Dr. Alfred Herrhausen 1989 den Initiativkreis gründete und bis zu seinem Tod unser erster Moderator war.

Neben der Persönlichen Mitgliedschaft im Initiativkreis Ruhr existiert der Junge Initiativkreis Ruhr als Netzwerk für Fach- und Führungskräfte unter 40, seine Mitglieder stammen ebenfalls aus den fast 80 Partnerunternehmen des IR. Victoria Köcher repräsentiert seit vielen Jahren die Deutsche Bank in unserem jungen Business-Netzwerk, seit 2024 engagiert sie sich außerdem zusätzlich als Sprecherin. Wir fragten auch sie nach dem sozialen Engagement der Deutschen Bank und dem Imagewechsel des Ruhrgebiets, mit dem sich eine jüngere Generation an Arbeitskräften identifizieren möchte.

 

Frau Köcher, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wiederbenennung als Sprecherin für den Jungen Initiativkreis Ruhr! Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich in unserem Nachwuchs-Netzwerk?

Köcher: Zum einen liegt mir das Ruhrgebiet und vor allem das Image des Ruhrgebietes sehr am Herzen. Häufig begegnen mir noch Sichtweisen auf das Ruhrgebiet die aus dem 20. Jahrhundert stammen, also aus der Ära Kohle und Stahl. In Wahrheit ist das Ruhrgebiet eine sehr vielseitige, grüne und spannende Metropolregion, die besonders für junge Menschen und Familien viel zu bieten hat: Grüne Oasen, die zur Erholung einladen, Kunst und Kultur auf hohem Niveau und spannende Unternehmen und Startups. Ich freue mich, wenn ich durch mein Engagement im Jungen Initiativkreis Ruhr einen Beitrag zum Imagewandel leisten kann. Zum anderen schätze ich aber auch sehr die interne Qualität unseres Netzwerkes – hier gibt es viel Austausch zu gesellschaftlichen und beruflichen Themen, aber auch zu lokalen Fragestellungen. Wir sind alle in einer vergleichbaren persönlichen Situation: Auf dem Karriereweg schon fortgeschritten und mit ähnlichen Fragestellungen in den Unternehmen oder jeweiligen Teams konfrontiert.

 

Das Ruhrgebiet – so hat es auch Thomas Buschmann betont – ist ein Kernmarkt für die Deutsche Bank. Ihr Unternehmen setzt sich zudem auch für soziale Projekte ein und verpflichtet sich so der Region. Können Sie dieses Engagement erläutern?

Köcher: Wir sind in verschiedenen lokalen Netzwerken vertreten, um Unternehmerinnen und Unternehmer mit Privatpersonen zusammenzubringen Ein Herzensprojekt von mir persönlich: Wir haben bei der Deutschen Bank vor mittlerweile 15 Jahren eine Stiftung aus der Mitarbeiterschaft heraus gegründet, die bisher 150 Projekte mit Spenden in Höhe von 500.000 Euro unterstützen konnte. Viele Gelder sind in soziale Projekte im Ruhrgebiet geflossen – immer mit dem Fokus auf benachteiligte Kinder und Jugendliche. Besonders erwähnenswert ist, dass sich diese Stiftung ausschließlich aus Spenden der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Bank und ihrer Kunden finanziert. Und daneben natürlich gibt es noch die Deutsche Bank Stiftung, die für ihr soziales Engagement sehr bekannt ist.

Seit 2024 ist Victoria Köcher Sprecherin unseres Business-Netzwerks für Führungskräfte unter 40 Jahren und somit Stellvertreterin für die Belange des Jungen IR. Die drei Sprecherinnen bzw. Sprecher nehmen außerdem an den Beiratssitzungen und Vollversammlungen des Initiativkreises Ruhr teil. Neben ihr agieren aktuell Johannes Greß (Accenture) und Dr. Maximilian Ziegler (Kümmerlein) in der Sprecherrolle des Jungen IR.

 

Was müssen Arbeitgeber heute anbieten, damit junge Menschen weiterhin Interesse an einer arbeits- und zeitintensiven Karrierelaufbahn haben?

Köcher: Ich glaube, Engagement und Leidenschaft sind die Grundvoraussetzungen. Der Arbeitgeber kann hier nur die Rahmenbedingungen setzen, die dies erleichtern, aber den Spaß an der Sache sollte jeder selber mitbringen und damit idealerweise auch Motivation, Kreativität und Engagement. Ich hatte immer Menschen an meiner Seite, die mich gefördert und gleichzeitig gefordert haben. Heutzutage ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, dass wir jungen Menschen Freiraum geben, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, aber gleichzeitig auch Leistung und Engagement einfordern. Der Leistungsgedanke allein motiviert junge Menschen heute nicht immer – sich selbst ausprobieren zu können und damit einhergehend auch die Chance, Fehler machen zu dürfen, ist sicherlich heutzutage motivationsfördernd. Ebenso wird das Vertrauen, dass auch aus dem Homeoffice heraus Leistung erbracht werden kann, immer wichtiger. Anfangs, um sich selbst entwickeln zu können, später aber auch, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Ich habe selbst zwei Kinder und arbeite in einer verantwortungsvollen Managementposition.

 

Sie sind im Ruhrgebiet geboren, aufgewachsen und leben auch hier. Bei der Deutschen Bank haben Sie unter anderem Filialen im Ruhrgebiet geleitet, das Wealth Management geführt und sind nun für die Region Niederrhein verantwortlich. Wo sehen Sie das Ruhrgebiet, wirtschaftlich, sozial und strukturell, in fünf bis zehn Jahren?

Köcher: Ich hoffe sehr, dass alle Initiativen aus dem Initiativkreis Ruhr, wie etwa die BRYCK Startup Alliance, Früchte tragen und wir neben starken und etablierten Unternehmen auch eine blühende Gründerszene willkommen heißen. Die Universitäten werden weiterhin exzellente Studierende anziehen. Ich bin überzeugt, dass zukünftig mehr junge, gut ausgebildete Menschen ins Ruhrgebiet ziehen. Wir können im Ruhrgebiet selbstbewusst in die Zukunft schauen, denn wir haben eine Region, die viele Facetten beinhaltet und Chancen bietet, um sowohl wirtschaftlich als auch sozial und strukturell das alte Image abzulegen. Lassen Sie uns also positiv in die Zukunft schauen!

 

Deutsche Bank

Thomas Buschmann , Leiter Region West & Leiter Unternehmensbank Nordwest

Wir engagieren uns im Initiativkreis Ruhr, weil diese Region mit seinem traditionellen Produktions- und Dienstleistungsgewerbe eine große Bedeutung für die Deutsche Bank hat und wir dazu beitragen wollen, gemeinsam die Transformation der Wirtschaft voranzutreiben.