Götz Erhardt ist Chief Executive bei Accenture und Co-Moderator im Initiativkreis Ruhr. Der Einsatz von KI und die damit einhergehende Transformation des Industrie- und Dienstleistungssektors sind Themen, die bei dem global agierenden Beratungsunternehmen Accenture ganz oben auf der Agenda stehen – und die auch die Ruhrwirtschaft nachhaltig verändern. Wir haben uns mit Götz Erhardt im Accenture Innovation Hub im Herzen des Ruhrgebiets auf Zeche Zollverein zum Interview getroffen.
Herr Erhardt, direkt vorweg: Wie ist Ihre persönliche Verbindung zum Ruhrgebiet?
Geboren bin ich in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, weil mein Vater dort als Geologe gearbeitet hatte. Als ich sieben Jahre alt war, sind wir nach Deutschland zurückgekehrt und mein Vater ging zur Ruhrgas, die später in der E.ON aufgegangen ist. So bin ich hier in Essen gelandet. Ich bin zum Studium nach Berlin gezogen, lebte danach lange Zeit in Frankfurt. Seit acht Jahren bin ich wieder hier, und weder ich noch meine Familie haben es bereut: Wir fühlen uns hier sehr wohl.
Sie beschäftigen sich beruflich täglich mit dem Thema KI. Inwieweit nutzen Sie denn künstliche Intelligenz in Ihrem (beruflichen) Alltag?
Im beruflichen Alltag nutze ich intensiv künstliche Intelligenz. Fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Accenture – das sind 780.000 weltweit – haben Zugang zu KI-Tools, nutzen sie oder sind darin trainiert. Es gibt für meinen Geschäftsbereich Supply Chain und Engineering eine stetig wachsende Anzahl spezieller KI-Tools. Für uns ist KI entscheidend, um in unseren Dienstleistungen wettbewerbsfähig zu bleiben und unseren Kunden neue Angebote machen zu können. Darüber hinaus nutze ich Claude, die Enterprise Edition von ChatGPT und Gemini. KI ist aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken.
Finden Sie es überraschend, wie schnell man sich daran gewöhnt hat?
Ja, aber noch überraschender ist es, wie viel besser die Large Language Models (LLM) geworden sind. Und zudem ist mit der agentischen KI ein weiterer Baustein hinzugekommen, der enorme Produktivität möglich macht. Wir haben erst kürzlich auf der Hannover Messe unsere KI-Themen für die Bereiche Engineering und Produktion vorgestellt und dort gezeigt, wie KI-Agenten echte Ingenieurstätigkeiten im Flugzeugbau übernehmen können.
Bei Accenture ist das Thema KI omnipräsent, so haben Sie für das Weltwirtschaftsforum ein White Paper mit Schlüsselfaktoren der KI-Revolution für die Industrie erstellt. Schauen wir einmal regional: Sind die Unternehmen im Ruhrgebiet bereits auf dem richtigen Weg?
Meiner Kenntnis nach beschäftigen sich alle Unternehmen der Ruhrwirtschaft intensiv mit dem Thema, vor allem in den Bereichen, in denen Kernwertschöpfung stattfindet. Etwa Energieversorger, die KI für intelligente Netzsteuerung einsetzen oder für produktiveres Management von Windparks. In der Materialwirtschaft hilft KI bei der Homogenisierung von Schrotten, in der Recyclingwirtschaft mit der besseren Vorsortierung von Kunststoffen in den Recyclinganlagen. Es gibt schlichtweg keinen Bereich, in der künstliche Intelligenz keinen Einsatz findet. Es lohnt auch ein Blick auf die Ruhruniversitäten: Gerade was Forschung angeht, haben wir in der Region auf der akademischen Seite einiges zu bieten, man denke nur an das Cybercenter in Bochum. Das Thema Bildung ist mir auch als Co-Moderator des Initiativkreises sehr wichtig, besonders das Lehren von technischen Fertigkeiten und auch die KI-Kompetenz. Das ist genauso wichtig wie Rechnen, Lesen und Schreiben und müsste eine Basiskompetenz im Curriculum der Schulen sein. Man muss zwar nicht zwingend programmieren können, aber man muss wissen, wie KI angewendet wird und was gute von schlechten Outputs unterscheidet.
Worauf müssen sich die Unternehmen in den nächsten fünf Jahren einstellen und sich umstellen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Ich glaube, es wird keinen Bereich geben, der nicht von künstlicher Intelligenz tangiert wird und damit auch mit der Neuorganisation von Arbeit. Das muss nicht mit Jobverlusten einhergehen. Natürlich ist KI eine disruptive Technologie. Jobs werden sich verändern, die Anforderungen verändern sich, die Fertigkeiten und Fähigkeiten, die Menschen mitbringen müssen. Denken sie beispielsweise an die Sicherheitskontrollen an Flughäfen. Es braucht immer Menschen, die den Einsatz der KI bewerten können: Ist dieser Gegenstand wirklich gefährlich, oder wirklich harmlos? Eine KI kann immer nur das, womit sie trainiert wurde. Auch ausführende KI-Agenten, die mehr oder weniger autonom handeln, müssen von einem Menschen geprüft und bewertet werden. Unternehmen brauchen also gut geschulte Mitarbeiter, die das Ergebnis der KI auf Plausibilität prüfen. Wir müssen alle anfangen, parallel mit der KI zu lernen und unsere KI-Kompetenz zu stärken.
Ist die KI-Revolution bedeutender als die industrielle Revolution Ende des 19. Jahrhunderts?
Ich denke ja. In der damaligen industriellen Revolution ging es um physische Substitution von Arbeitskraft. Jetzt geht es um Substitution von kognitiver Leistung – um den Dienstleistungssektor vor allem. Das ist nur nicht so sichtbar wie die Fabrik, die Mitarbeiter entlässt, weil Maschinen die Arbeit machen.
Das Ruhrgebiet war nach dem 2. Weltkrieg die Region, aus der heraus sich die Stärke der deutschen Industrie maßgeblich entwickelt hat. Hat die Region das Potential, in der aktuellen industriellen Revolution wieder so ein bedeutender Wirtschaftsstandort zu sein?
Davon bin ich fest überzeugt. Für die – neuen und alten – Industrien in der Region entstehen massive Potenziale durch den Einsatz von KI, von der Logistik über das Bauwesen bis hin zur bereits erwähnten Recyclingwirtschaft. Einige Unternehmen müssen sich sicherlich von alten Geschäftsmodellen verabschieden. Wenn man sich das Wachstum der Arbeitsplätze im Ruhrgebiet ansieht, ist der Digitalsektor sehr wichtig geworden, auch an den Universitäten.
Als Co-Moderator des Initiativkreises Ruhr sind Sie am 7. Mai mit unserem Moderator Guido Kerkhoff, NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und Vertreterinnen und Vertretern unserer Partnerunternehmen nach Berlin gefahren, um Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche innovative Projekte aus dem Ruhrgebiet vorzustellen, die auf ganz Deutschland skalierbar sind. Hat Berlin das Ruhrgebiet als Innovationslandschaft jetzt auf dem Schirm?
Ja, das war ein wichtiger Schritt und auch ein toller Erfolg für uns als Initiativkreis Ruhr. In den Medien wird immer noch ein oftmals negatives Bild vom Ruhrgebiet gezeichnet. Da konnten wir nach dem Besuch bei Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und der Übergabe unseres Positionspapiers mit ausgewählten Modellprojekten und auch mit dem starken Auftritt von Guido Kerkhoff als Studiogast in der WDR Lokalzeit ein deutlich positiveres Bild zeichnen. Wir haben im Ruhrgebiet eine starke Startup-Szene, mehr als 300.000 Studierende, führende Unternehmen und die Lebenshaltungskosten und Mieten sind im nationalen Vergleich immer noch niedrig. Die Standortfaktoren sind alle da. Wir müssen uns einfach besser vermarkten. Vielleicht ist das Positionspapier mit den Modellprojekten nun ein erster Schritt.





