„Wir stehen in den Startlöchern“: Mit den Tiemeyers vom Ruhrgebiet aus in die mobile Zukunft

Heinz-Dieter und Pauline Tiemeyer (Vorstandsvorsitzender | Bereichsleitung Personal, Marketing & Business Development, Tiemeyer Gruppe)

Anders als bei vielen mittelständischen Unternehmen ist die Nachfolge bei der Automobilgruppe Tiemeyer geklärt. Pauline Tiemeyer & ihr Bruder Fritz Tiemeyer werden die Geschäfte ihres Vaters, Heinz-Dieter Tiemeyer, weiterführen. Vater und Tochter sind beide Mitglieder im Initiativkreis Ruhr respektive dem Jungen Initiativkreis Ruhr und haben mit uns über ihr Familienunternehmen und die Automobilbranche gesprochen. Ein Besuch in Bochum-Langendreer.

Sie sind als Unternehmen seit November 2024 Mitglied im Initiativkreis Ruhr und Sie beide jeweils Mitglied im Initiativkreis Ruhr bzw. im Jungen Initiativkreis Ruhr. Warum war es Ihnen ein Anliegen, dem Netzwerk jeweils beizutreten?

Heinz-Dieter Tiemeyer (HDT): Der Initiativkreis Ruhr ist in Deutschland einfach einmalig, gerade mit der regionalen Ausrichtung auf das Ruhrgebiet. So ein Bündnis ist für alle Mitglieder und die Region positiv.

Pauline Tiemeyer (PT): Mein Vater hatte mir vom Jungen Initiativkreis Ruhr erzählt und ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen. Da habe ich nicht lange überlegt: Der Austausch mit anderen jungen Führungskräften aus dem Ruhrgebiet, und das branchenübergreifend, finde ich klasse. Wir können uns bei Themenabenden wunderbar austauschen – ich freue mich schon sehr, dass wir Gastgeber beim nächsten Themenabend Ende Oktober sein werden, zu dem auch der Initiativkreis Ruhr eingeladen ist.

 

Die Tiemeyer-Gruppe beschäftigt 1.900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 32 Standorten, der Hauptsitz ist nach wie vor in Bochum. Damit sind Sie ein wichtiger mittelständischer Arbeitgeber in der Region. Was mögen Sie an den Standorten im Ruhrgebiet, was zeichnet sie aus?

HDT: Ich bin Bochumer, das Ruhrgebiet ist meine Heimat und ich schätze die ehrliche, offene und direkte Art der Menschen hier. In Ostdeutschland habe ich eine Möbelfirma aufgebaut mit elf Filialen, mit Hauptsitz in Bautzen. Da bin ich immer der Ruhrpottler (lacht).

 

Ihr Unternehmen wurde 1953 von den Brüdern Heinz und Willy Tiemeyer gegründet und ist damit also ein echtes Familienunternehmen mit Tradition aus dem Ruhrgebiet. Pauline Tiemeyer, aktuell sind Sie als Bereichsleiterin für Personal und Marketing zuständig. Können Sie sich denn vorstellen, in ein paar Jahren selbst am Steuer der Geschäftsführung zu sitzen?

PT: Ich bin jetzt 29 und kann es mir auf jeden Fall vorstellen. Mein Bruder ist auch im Unternehmen. Mein Vater hat viel gefordert, uns aber auch sehr gefördert. Wir stehen in den Startlöchern, aber wir sind auch sehr froh, dass Papa noch im Vorstand ist und uns viel Zeit gibt, uns entwickeln zu können.

HDT: Heinz Tiemeyer ist mein Vater und Willy Tiemeyer mein Onkel. Die beiden haben nach dem Zweiten Weltkrieg das Unternehmen als Tankstelle in Bochum-Werne gegründet. Nach dem Tod der beiden hat meine Mutter 1977 übernommen. Insofern bin ich die zweite Generation und meine Kinder hoffentlich die dritte Generation. Die Frage ist nur – wann wollen die beiden mich ablösen? Und was mache ich dann, damit mir nicht langweilig wird (lacht)?

PT: Ach, da werden wir schon was finden für Dich.

 

Die Unternehmensnachfolge ist bei Ihnen so weit geregelt, aber generell ist Unternehmensnachfolge ein sehr großes Thema für viele Mittelständler.

HDT: Ich bin sehr glücklich, dass sich meine Kinder Fritz und Pauline für die Automobilbranche entschieden haben, das ist ja nicht selbstverständlich. Ich habe Werbung gemacht, aber beide haben frei entschieden. Denn wenn du das, was du machst, nicht liebst, wird es nichts.

 

Das Ruhrgebiet ist meine Heimat und ich schätze die ehrliche, offene und direkte Art der Menschen hier.

-Heinz-Dieter Tiemeyer

Frau Tiemeyer, konnten Sie sich auch vorstellen, was anderes zu machen?

PT: Ja, konnte ich. Mit 17 hatte ich schon Abi – G8 damals – und habe zwei Semester International Management studiert. Danach habe ich hier eine Ausbildung gemacht, eher aus der Not heraus. Es hat sich herausgestellt, dass es genau das Richtige für mich ist. Man kann auch gar nicht hoch genug bewerten, was mein Bruder und ich für eine Chance im Leben haben, in so ein großes Unternehmen miteinsteigen zu dürfen. Natürlich gibt es auch Generationskonflikte. Mein Bruder und ich haben oft moderne Ansätze und müssen das mit Papas bewährten Strategien verbinden. Unterm Strich ziehen wir aber alle an einem Strang und ringen um die beste Lösung fürs Unternehmen.

 

Was sind, Ihrer Erfahrung nach, heute die drängendsten Herausforderungen für den Mittelstand und, noch präziser, für die Automobilbranche?

PT: Aus meiner Sicht als Personalerin ganz klar: der Fachkräftemangel. Wir brauchen Leute im Vertrieb, auch samstags, und da ist Homeoffice keine Option. Wir stehen einfach blank da, wie viele andere Handelsunternehmen auch, was neue Arbeitsmodelle – New Work – angeht. Es ist schon schwierig, Talente zu bekommen, zu binden und zu halten. Wir sind ein großer Mittelständler, aber bei uns spielt sich die Arbeit vor Ort ab und ist hart verdientes Geld. Aber: Wir wurden von der WELT als einer der besten Ausbildungsbetriebe im Handel ausgezeichnet. Die Inhouse-Ausbildung ist für uns sehr wichtig.

Mit dem offiziellen Beitritt der Tiemeyer Gruppe in den Initiativkreis Ruhr im November 2024 trat nicht nur Vorstandsvorsitzender Heinz-Dieter Tiemeyer unserem Bündnis als Persönliches Mitglied bei – Tochter Pauline Tiemeyer, Bereichsleiterin für Personal, Marketing und Business Development, ist seit dem ebenfalls Mitglied im Jungen Initiativkreis Ruhr, unserem Netzwerk für junge Führungskräfte und 40 Jahren.

Wie viele Azubis haben Sie?

PT:  Um die 300 in den verschiedenen Lehrjahren. Zum 1. September sind wieder 100 neue gestartet.

 

 

Wie ist das bei Ihnen, Herr Tiemeyer, welche Herausforderungen sehen Sie?

 

Nach einer fundierten Ausbildung im Automobilsektor übernahm Heinz-Dieter Tiemeyer im Jahr 2002 die alleinige Geschäftsleitung der damals drei Betriebe von seiner Mutter Elvira Tiemeyer. Seitdem hält er die wachsende Gruppe gemeinsam mit den Vorständen Michael Evers, Dirk Reitzer, Torsten Rott und den aktuell über 1.900 Mitarbeitern erfolgreich auf Expansionskurs.

HDT: Die Automobilbranche ist und war immer eine Krisenbranche gewesen. Denken Sie an die US-Bankenkrise oder den Abgas-Skandal. Ich habe das schon einige Male mitgemacht. Nach der Krise fährt man auch wieder raus. Aber die Wirtschaftskrise, die wir jetzt haben in Deutschland, ist noch nicht überwunden. Ich erwarte auch 2026 kein positives Jahr, denn bei uns geht es um Konsumprodukte. Ein Auto steht jetzt für sehr viele Menschen nicht an erster Stelle.

PT: Ein anderes Thema sind die neuen Wettbewerber aus China. Das ist auch für unsere Konzernmarken eine extreme Herausforderung. Nicht nur im Bereich der E-Mobilität. Der chinesischer Hersteller BYD zum Beispiel startet jetzt auch mit Hybridfahrzeugen.

HDT: Da sind wir bei der nächsten Herausforderung: Der Wechsel vom Verbrenner zur E-Mobilität. Das ist politisch gewollt. Das machen die Firmen auch, weil es steuerliche Anreize bietet. Nur leider kommt die Lade-Infrastruktur bei den Leuten nicht an. Der Endverbraucher kauft keine E-Autos – das ist eines der größten Probleme für uns als Verkäufer.

PT: Viele Kunden sagen auch: Ein E-Auto kommt für mich nicht in Frage, weil ich nicht weiß, wie hoch der Wert der Batterie in ein paar Jahren noch ist. Der Wiederverkaufswert ist unsicher. Und Elektroautos kosten in der Anschaffung eben deutlich mehr als Verbrenner. Da haben die chinesischen Hersteller Vorteile, sie produzieren die Batterien deutlich günstiger.

 

Wenn wir den Blick in die nicht allzu ferne Zukunft wagen: Wie wird sich Mobilität in den kommenden Jahren verändern, gerade mit Blick auf Ihre Geschäftsbereiche?

HDT: Die Mobilität muss zum einen deutlich mehr auf die Schiene verlagert werden. Zum anderen muss die Lade-Infrastruktur ausgebaut werden. Ich glaube, dass ein Auto immer ein Stück Freiheit bedeutet. Zeitgleich aber auch: Umweltverschmutzung.

PT: Genau, individuelle Mobilität bedeutet immer Emissionen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

HDT: Ich gehe davon aus, dass die meisten Menschen in zehn Jahren autonom fahren. Spätestens in zehn Jahren. Die Chinesen machen es heute schon. Das wird auch bei uns so kommen.

Herzlichen Dank Ihnen beiden für das Interview!

Heinz-Dieter Tiemeyer

Tiemeyer AG

Heinz-Dieter Tiemeyer , Vorstandsvorsitzender

Das Ruhrgebiet ist unsere Heimat. Hier sind wir gewachsen, hier sind wir verwurzelt. Die Menschen, ihre Haltung und ihr Zusammenhalt prägen seit jeher auch die Werte der Tiemeyer Gruppe. Wir engagieren uns im Initiativkreis Ruhr, um gemeinsam mit anderen Unternehmen Verantwortung für die Zukunft unserer Region zu übernehmen und den Wandel aktiv mitzugestalten.