Der Bauchemie-Hersteller ARDEX aus Witten ist seit November 2024 Partnerunternehmen im Initiativkreis Ruhr. Sowohl Corona als auch die aktuelle Krise in der Baubranche konnten dem international aufgestellten Marktführer für Spachtelmassen, Fliesenkleber und Fugenmörtel nicht viel anhaben. Wie hat das Wittener Traditionsunternehmen, dessen Hauptsitz immer noch in der Villa der Gründerin beherbergt ist, das geschafft? CEO Mark Eslamlooy ist unser Persönliches Mitglied und heute unser Gesprächspartner für das-ruhrgebiet.de.
Herr Eslamlooy, beim Namen ARDEX denken die meisten: Ja, kenne ich, Mörtel und Fliesenkleber. Aber zur ARDEX-Gruppe gehören deutlich mehr Anbieter von Baustoffen, mit teils überraschenden Produkten, richtig?
Das ist richtig, wir sind inzwischen eine diversifizierte Gruppe mit einem breiten Produktportfolio. Wir haben über 20 erfolgreiche Marken, weit über 2.500 verschiedene Produkte in der Gruppe und sind fast auf der ganzen Welt präsent. Dadurch konnten wir auch unseren Umsatz von ca. 375 Millionen Euro im Jahr 2009 auf über 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2024 steigern und sind auf über 4.500 Mitarbeiter gewachsen. So haben wir heute u.a. Produkte zur Oberflächenpflege mit unserer Marke Loba, Estrich von Knopp, modulare Duschboards von wedi, hochwertige Oberflächen von Pandomo, Drainagen sowie Profile von Gutjahr und diverse Werkzeuge mit im Angebot. Wir haben uns zu einem „one-stop-shop“-Systemanbieter entwickelt, was aktuell und in Zukunft ein großer Vorteil für unsere Kunden sein wird.
ARDEX ist bis heute ein reines Familienunternehmen und existiert seit mehr als 75 Jahren am Markt. Was ist das Erfolgsgeheimnis?
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist sicherlich unsere konsequente Diversifizierung, sowohl im Hinblick auf unsere Produktsegmente als auch geografisch. Durch gezielte Akquisitionen und organisches Wachstum sind wir heute in der Lage, Schwächen oder Krisen in einzelnen Märkten durch Erfolge in anderen Regionen auszugleichen. Das verschafft uns eine große Stabilität trotz herausfordernder Zeiten. Außerdem sind unsere Entscheidungen und Investitionen immer langfristig ausgerichtet, was viel Geduld und Ausdauer erfordert.
Ein weiterer sehr entscheidender Erfolgsfaktor sind unsere Mitarbeiter, die mit großer Leidenschaft daran arbeiten, die besten Lösungen für unsere Kunden zu entwickeln. Wir sind für unsere Innovationen bekannt, die nicht nur von rund 500 Forschern vorangetrieben werden, sondern von allen Mitarbeitern im Unternehmen. Unsere Unternehmenskultur nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Wir legen großen Wert darauf, diese aktiv zu pflegen und regelmäßig zu messen. Uns ist wichtig, dass unsere Mitarbeiter Verantwortung übernehmen und eine starke Zugehörigkeit zum Unternehmen entwickeln. Das spiegelt sich auch in unserer außergewöhnlich niedrigen Fluktuation wider, die praktisch bei null liegt. Viele Kolleginnen und Kollegen sind seit Jahrzehnten bei uns, einige bereits über 35 Jahre. Auch die meisten Mitglieder des Führungskreises bleiben dem Unternehmen über viele Jahre hinweg verbunden. So bin ich seit über 25 Jahren Teil von ARDEX. Unsere Unternehmenskultur ist deshalb vielleicht unser wichtigster Erfolgsfaktor.
In einigen Bereichen ist ARDEX zudem Marktführer …
Genau, wir sind in einigen Regionen der Welt einer der führenden Anbieter bei hochwertigen bauchemischen Spezialbaustoffen. Darunter vor allem bei Fliesenverlegesystemen, insbesondere flexible Dünnbettmörtel, Fliesenkleber und Fugenmörtel. Auch bei selbstverlaufenden Spachtel- und Ausgleichsmassen für den Bodenbereich sind wir in vielen Ländern Marktführer. Die Produkte sind besonders bei Architekten, Fliesenlegern, Malern, Bodenlegern und im gewerblichen Innenausbau sehr gefragt.
Mit der ARDEXacademy bieten Sie Weiterbildungen und Schulungen für Handwerk und Handel an. Was hat Sie dazu bewegt?
Unsere Produkte sind technologisch sehr hochwertig sowie erklärungsbedürftig, und wir befinden uns im Premium-Segment der Bauchemie. Um die Ausschöpfung des gesamten Potenzials sicherzustellen, möchten wir unsere Kunden durch Trainings unterstützen. Diese sind für uns außerdem ein wertvolles Marketinginstrument, das wir anstelle von beispielsweise Messen nutzen. Durch die Trainings können wir den Mehrwert unserer Produkte direkt und praxisnah demonstrieren – das stärkt das Vertrauen und die Kompetenz bei unseren Partnern. Mit der ARDEXacademy schaffen wir zudem eine Plattform für den Austausch sowohl mit unseren direkten Kunden, sprich den Fachhändlern, als auch mit den Endkunden, also den Handwerkern. Dadurch lernen diese ein persönliches Gesicht von ARDEX kennen und erhalten ein neues, authentisches Bild von uns. Dies hilft der Kundenbindung, dem Aufbau langfristiger Partnerschaften und, ein zusätzlicher Benefit, wir erhalten ein persönliches Feedback. Denn die Handwerker kaufen ja nicht bei uns direkt, sondern beim Fachhandel. Die Kurse bieten wir übrigens kostenfrei an. Darüber hinaus beraten wir die Fachleute in ganz Deutschland auch kostenlos vor Ort auf den Baustellen.
Die Baubranche ist in einigen Regionen von einer schweren Krise betroffen, bis hin zu kompletten Baustopps. Was ist Ihre Strategie, um durch die aktuelle Krise zu kommen?

Mark Eslamlooy ist CEO ARDEX Group. Der Diplom-Ökonom wurde 1966 geboren und kam nach Stationen in internationalen Beratungsunternehmen im Jahr 2000 zu ARDEX. Mark Eslamlooy hat seitdem verschiedene Führungspositionen wahrgenommen, wobei ein Schwerpunkt stets auf der strategischen Unternehmensentwicklung lag.
Das ist seit 2022 wirklich harte Arbeit. Die Corona-Krise ist sicherlich durchgestanden, aber durch die geopolitischen Friktionen sind z.B. inflationäre Effekte in der Bauindustrie weiterhin besonders spürbar. Der deutsche Markt hat dadurch sehr viel Bauvolumen verloren. So gibt es derzeit deutlich weniger Neubauprojekte. Im Bereich der Renovierungen haben wir uns in diesem schwierigen Marktumfeld jedoch gut gehalten. Wir haben unsere strategischen Investitionen auf Kurs gehalten und konnten trotz allem unsere Umsätze steigern. Dennoch geht die Krise nicht ohne weiteres an uns vorbei. Auch wir hatten mit Mengenverlusten zu kämpfen und 2022/2023 die bisher schwierigsten Jahre. Aus diesem Grund haben wir ein umfangreiches und globales Kostensenkungsprojekt in Zusammenarbeit mit einer Unternehmensberatung eingeführt. Hierbei war allerdings die klare Bedingung, dass wir ausschließlich Effizienzen heben und keine Mitarbeiter betriebsbedingt entlassen. Das hat das Vertrauen unserer Mitarbeiter weiter gesteigert.
Kommen wir zum Thema Nachhaltigkeit. Bis 2045 möchten Sie gemäß dem Pariser Klimaabkommen bei ARDEX klimaneutral wirtschaften. Wie möchten Sie das erreichen und warum ist Ihnen das Ziel wichtig?
Für unsere Produktentwicklung steht das Thema Nachhaltigkeit ganz klar an erster Stelle, auch wenn es sich zwischen den Regionen unterscheidet. So nimmt es in den USA aufgrund der Trump-Administration aktuell eine untergeordnete Rolle ein, während es insbesondere in Europa und Asien im Fokus steht.
In der EU gibt es einen Standard, der die Emissionen von Unternehmen in drei Bereiche, sogenannte Scopes, aufteilt. Bis 2035 wollen wir europaweit bei den direkten Emissionen in Scope-1 und den indirekten energiebezogenen Emissionen in Scope-2 klimaneutral werden, also in erster Linie unsere Emissionen durch Energieverbrauch senken. Das erreichen wir durch die vollständige Umstellung auf Ökostrom an allen europäischen Standorten, die schrittweise Elektrifizierung unserer Fahrzeugflotte sowie durch die Umrüstung unserer Heizsysteme auf klimafreundliche Alternativen. In der Bauindustrie entfällt der größte Anteil der Emissionen jedoch auf indirekte Scope-3 Emissionen, die bei unseren Lieferanten entstehen. Darunter versteht man Treibhausgasemissionen, die entlang der Wertschöpfungskette verursacht werden, aber nicht direkt von uns kontrolliert werden können. Das Recycling oder der Ersatz von Zement ist entscheidend für eine signifikante Reduktion der Scope-3 Emissionen. Um hier etwas bewirken zu können, brauchen wir Forschungsprojekte und -kooperationen mit unseren Lieferanten aus der Chemieindustrie. Daran arbeiten wir.
Der Klimawandel hat auch direkte Auswirkungen auf die Baubranche, beispielsweise auf veränderte Anforderungen für Neubauten. Wie reagieren Sie als Anbieter von Baustoffen darauf? Gibt es beispielsweise Baustoffe, die den CO2-Ausstoß von Gebäuden verringern?
Uns ist bewusst, dass die Produkte in der Bauchemie nicht gerade nachhaltig sind. Gerade aus diesem Grund wollen wir als Familienunternehmen einen Beitrag leisten, sowohl regional als auch global. Folglich haben wir das Thema ‚Planet‘ als eine von drei Säulen in unserer globalen Strategie integriert. Unsere Produkte haben zwar nur einen marginalen Anteil am CO2-Fußabdruck in Gebäuden, ca. 1-2 Prozent, aber wir glauben, dass wir hier mit unseren Lieferanten zusammenarbeiten und eine Lösung anbieten können, beispielsweise durch das Recycling von Böden und Fliesen. Da entwickeln wir derzeit ein Produkt, eine Weltneuheit, wozu ich aber noch nicht mehr verraten kann. Darüber hinaus entwickeln wir gezielt CO2-reduzierte Produkte und stellen unsere Bestandsprodukte um, zum Beispiel durch den Einsatz von Zementalternativen und Recyclingmaterialien. Dafür haben wir ein eigenes Produktbewertungssystem entwickelt, mit dem wir unsere nachhaltigsten Produkte einer Kategorie bewerten und welches schrittweise global eingeführt wird. Dieses System heißt „ecobuild TECHNOLOGY“ Label und schließt neben dem CO2-Fußabdruck auch die Wohngesundheit und technische Performance mit ein. Für diesen holistischen Ansatz sind wir mit dem Deutschen Award für Nachhaltigkeitsprojekte ausgezeichnet worden.
ARDEX ist als Unternehmen international tätig, hat jedoch seine Wurzeln in Witten und im Ruhrgebiet. Wie viel bedeutet Ihnen, unternehmerisch und persönlich, der Standort?
Es besteht eine große emotionale Verbundenheit zum Ruhrgebiet als Heimat und als Ursprung von ARDEX, insbesondere bei unseren Gesellschaftern. Vor über 75 Jahren hat die Chemikerin Trude Fortmann ARDEX in dieser Villa gegründet. Unser größtes Labor ist weiterhin am Standort. Witten ist das Innovationszentrum und Herzstück der Unternehmensgruppe. Hier sitzt ein entscheidender Teil unserer Kompetenzen und wir haben vor Ort ein starkes Netzwerk mit Partnern aufgebaut, etwa mit den Universitäten in Bochum, Dortmund und Witten-Herdecke, wo wir Forschungsprojekte durchführen. Wir bleiben, obwohl in Witten im Bundesvergleich überdurchschnittlich viel Gewerbesteuer zu zahlen ist.
Ich persönlich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, in Essen, habe in der Region studiert und wohne heute zusammen mit meiner Familie hier. Auch wenn ich zuvor 15 Jahre in verschiedenen Ländern unterwegs war, hat es mich wieder hierher zurückgezogen.


Villa Fortmann: 1949 beginnt hier die Geschichte des Wittener Traditionskonzerns. Die damalige NORWAG-Werke GmbH, die bereits wenige Jahre später zur Ardex Chemie GmbH umbenannt wurde, ist heute in mehr als 50 Ländern aktiv und gilt als weltweit führender Lösungsanbieter für Spezialbaustoffe.
Zu guter Letzt: Welche Chancen und Entwicklungspotenziale sehen Sie als Unternehmer im Ruhrgebiet für die Region?
Sehr viele, wenn sie denn mit vereinten Kräften ergriffen werden. In so einem Ballungszentrum wie dem Ruhrgebiet, mit mehr als 5 Millionen Menschen und 22 Hochschulen, vielen Hidden Champions sowie einem breiten und starken Mittelstand – da kann man etwas bewegen, das bedeutet Kapital und Kompetenz. Allerdings beruht der Erfolg einiger Unternehmen auf inzwischen alten Technologien. Um die Zukunftsfähigkeit abzusichern, muss eine Transformation erfolgen. Wo das Ruhrgebiet aus meiner Sicht noch Entwicklungspotenzial hat, ist im Startup-Ökosystem. Hier hängen wir anderen deutschen Städten wie München und Berlin hinterher. Daher setzt die BRYCK Startup-Alliance als Projekt des Initiativkreises Ruhr an einer sehr wichtigen Stelle an. Eine weitere Chance sehe ich in der besseren Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, die einen großen Anteil ausmachen. Dies kann sowohl für den Wirtschaftsstandort ein großer Mehrwert sein als auch für unsere soziale Gesellschaft. Hier nimmt Bildung eine, vielleicht die entscheidende, Rolle ein. Aber wir müssen ehrlich sein: Damit regionale Unternehmen langfristig erfolgreich sein können, bedarf es der Unterstützung der Regionalpolitik, die geeignete Rahmenbedingungen für ihre Wettbewerbsfähigkeit schafft.





