Das Schweizer Beratungsunternehmen Egon Zehnder ist der jüngste Zuwachs im Initiativkreis Ruhr. Der Standort in Düsseldorf hat seinen Sitz in luftiger Höhe in den Libeskind-Bauten am Kö-Bogen. Hier, in der 5. Etage, hat Dr. Rieke Ringel ihr Büro. Die gebürtige Essenerin und promovierte Biochemikerin berät Unternehmen aus der Gesundheitsbranche, Chemie und Prozess-Industrie und ist Persönliches Mitglied im Initiativkreis. Mit ihr haben wir über die wichtigsten Zukunftskompetenzen für die Region Rhein-Ruhr und vor allem für das Ruhrgebiet gesprochen und was unsere Region für Top-Führungskräfte attraktiv macht.
Frau Ringel, bei Egon Zehnder beraten Sie DAX-Konzerne und Familienunternehmen, aber auch Start-Ups aus NRW unter anderem bei der Besetzung von Führungspositionen. Wie attraktiv sind Unternehmen speziell aus der Rhein-Ruhr-Region für hochqualifiziertes Personal?
Die Entscheidung für einen neuen Job ist oft eine Entscheidung für die ganze Familie und da kommt es nicht nur auf den Job an, sondern auch auf Entscheidungen wie Wohnort, Stadt oder Land, oder kulturelle Angebote. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine solche Dichte an kulturellen Institutionen wie an Rhein/Ruhr. Andererseits sehen wir auch, dass der Standort einer von vielen Faktoren ist, aber vielleicht nicht mehr so ausschlaggebend wie er einmal war. Das liegt zum einen daran, dass die Familien oft nicht mehr mit umziehen, weil der Arbeitsvertrag sowieso zeitlich begrenzt ist auf vier, fünf Jahre und dann der nächste Standort folgen kann. Oder weil ein Commuting-Modell vereinbart wird, das neben der wichtigen Präsenz am Hauptsitz auch die Notwendigkeit von Reisen in globalen Märkten widerspiegelt. Da gibt es seit Corona eine gewisse Flexibilität, auch wenn es momentan wieder die Tendenz dazu gibt, Homeoffice-Tage zu reduzieren.
Was das Ruhrgebiet als “Brand” betrifft, gibt es natürlich andere Regionen, die bekannter sind und nicht erklärt werden müssen. Wenn man die Leute aber dazu bringt, sich mit dem Ruhrgebiet als Standort vertraut zu machen, sind viele ob der Vielfalt, Diversität und Lebensqualität, besonders auch durch das große kulturelle Angebot sehr positiv überrascht! Aber: Das Ruhrgebiet ist erklärungsbedürftig. Man muss wissen, wo was ist.
Stichwort Standort-Faktor: Wo können Unternehmen an Rhein und Ruhr diesbezüglich auf dem Arbeitsmarkt punkten? Gibt es gewisse Pull-Faktoren?
Was ich immer im Gespräch mit Kandidatinnen und Kandidaten merke, ist, dass das Ruhrgebiet im zwischenmenschlichen Bereich punktet. Der Menschenschlag hier im Ruhrgebiet wird als offen, sympathisch und bodenständig wahrgenommen. Solch ein Umfeld können sich schon viele Menschen als Lebensmittelpunkt vorstellen, weil es natürlich auch die soziale Eingliederung erleichtert. Wenn schulpflichtige Kinder im Haushalt leben oder die Kinder ein Studium beginnen, kann das Ruhrgebiet mit einer sehr guten Hochschullandschaft punkten. Die Förderung von Innovation, modernen Start-up- und Technologiehubs, und eine überzeugende Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Hochschulen hält Talente in der Region und entwickelt eine interessante Anziehungskraft. Ein Pull-Faktor ist sicherlich auch eine gute Balance zwischen Lebensqualität und Lebensunterhaltkosten. Im Umkreis von 20 Kilometern kann ich beispielsweise im Grünen verhältnismäßig günstig wohnen, aber im Rheinland Düsseldorf oder Dortmund arbeiten. Ich kenne auch einige „Zugezogene“, die vom kulturellen Angebot, den vielen Museen, Theatern, Konzerthäusern der Region positiv überrascht sind. Das sind Institutionen der Hochkultur, aber auch das Angebot an Freizeitaktivitäten und Angebote in der Subkultur sind sehr vielfältig. Leider scheint es so, dass es anderen Regionen oder Städten – vielleicht auch aufgrund dieser Vielfalt – leichter fällt, sich als Marke zu positionieren. Beim Ruhrgebiet muss man die Menschen noch aktiv darauf stoßen – aber dann kann man sie begeistern.
Was das Ruhrgebiet als “Brand” betrifft, gibt es natürlich andere Regionen, die bekannter sind und nicht erklärt werden müssen. Wenn man die Leute aber dazu bringt, sich mit dem Ruhrgebiet als Standort vertraut zu machen, sind viele ob der Vielfalt, Diversität und Lebensqualität, besonders auch durch das große kulturelle Angebot sehr positiv überrascht!
Dr. Rieke Ringel
Was müssen Unternehmen ihrer Erfahrung nach bieten und leisten in Bezug auf die Mitarbeiterakquise, um künftig wettbewerbsfähig zu bleiben?
Mitarbeiter wollen zunächst einmal einen Job antreten, bei dem sie eine spannende Aufgabe vorfinden und ihre Erfahrungen einbringen und gestalten können. Neben dieser inhaltlichen Komponente ist auch die Unternehmenskultur wichtig. Und nicht zuletzt ist es gerade Top-Führungskräften und denjenigen, die sich dahin entwickeln wollen, sehr wichtig, dass ihr Potential gesehen und wertgeschätzt wird. Dass sie die Möglichkeiten bekommen, sich in Projekten und weiteren Karriereschritten zu beweisen und sich damit stetig weiterentwickeln können. Darin sollten Unternehmen investieren, wenn sie attraktiv für Talenten sein möchten.
Gleichzeitig möchte ich betonen, dass wir aufgrund der makroökonomischen und geopolitischen Verschiebungen heute in einer neuen Lebenswirklichkeit angekommen sind. Wir werden nicht mehr dieselben Erfolgsfaktoren haben wie in der Vergangenheit – und das spüren viele Führungskräfte deutlich.
Wir begleiten unsere Klienten zu diesen Themen nicht nur durch die strategische Platzierung von Führungspersönlichkeiten, sondern auch in unserer Leadership Advisory Arbeit, bei der wir mit Führungskräften an Ihrer individuellen Weiterentwicklung arbeiten, aber auch Team- und Kulturtransformationen begleiten.
Wir haben kürzlich eine Umfrage unter mehr als 1.000 CEOs weltweit durchgeführt. Dabei zeigte sich eindeutig: Eine der zentralen Prioritäten über alle Branchen hinweg ist es, eine Kultur der Offenheit und Neugier zu schaffen, um mit den aktuellen und kommenden Herausforderungen umgehen zu können. Transformation und Strukturwandel werden in fünf Jahren nicht abgeschlossen sein – und Unsicherheiten werden bleiben. Führungspersönlichkeiten müssen unheimlich agil und anpassungsfähig und gleichzeitig resilient sein. Das gilt natürlich nicht nur fürs Ruhrgebiet, doch die Unternehmen dort haben einen entscheidenden Vorteil: Es ist seit bald 30 Jahren Transformation gewöhnt.
In welchen Branchen haben Unternehmen im Ruhrgebiet derzeit die besten Chancen? Und gibt es dafür schon entsprechende Cluster oder Standorte, die sich dazu entwickeln?
Bedingt durch meinen Hintergrund bin ich viel in der Gesundheitsbranche und in der Chemieindustrie unterwegs. Letztere ist derzeit in einer krisenbedingten Transformationsphase. Dennoch fällt auf, dass es tolle Innovationscluster in der Region gibt, wie zum Beispiel die Max-Planck-Institute in Dortmund und Mülheim an der Ruhr, aber auch andere Innovations- und Technologiehubs rund um die Leibniz- und Fraunhofer Institute der Region. Auch Ausgründungen an Universitäten sind spannend, beispielsweise arbeite ich gerade mit einem Spin-Off einer Universität zusammen, die eine weltweit bahnbrechende Methodik im Diagnostikbereich entwickelt hat. Dem Gründer helfe ich derzeit, die Organisation zu professionalisieren. Da jetzt internationale Spitzenkräfte reinzubekommen, die in der Welt waren und wissen, wie die Industrie und Investoren funktionieren, und gleichzeitig das Fingerspitzengefühl für die vorhandene Kultur haben, ist die Herausforderung. Aber es geht.
Egon Zehnder ist seit Herbst 2025 neu im Initiativkreis Ruhr dabei. Was hat Sie daran gereizt, Persönliches Mitglied in unserem Netzwerk zu werden?
Unser Firmengründer Egon Zehnder hat schon in den 1960er Jahren mit den Größen des Ruhrgebiets gearbeitet und wir haben in den letzten Jahrzehnten viele der Unternehmenstransformationen begleitet. In der Umgebung haben wir Büros in Düsseldorf und Köln mit insgesamt 22 Beraterinnen und Beratern – einige davon dem Ruhrgebiet ebenfalls sehr verbunden und dort lebend. Hinter unserem Engagement in der Region stehen also noch weit mehr Köpfe.
Das Ruhrgebiet ist nach wie vor weltweit einmalig mit seiner Historie, seiner inhärenten Kraft und seiner Kultur. Als Egon Zehnder sind wir ja nun wirklich global unterwegs in allen industriellen Regionen der Welt und können das einschätzen. Und gerade auch wegen meines persönlichen Bezugs zum Ruhrgebiet als gebürtige Essenerin ist es für mich eine Freude und Ehre, dabei sein zu können. Ich glaube an das Potential des Ruhrgebiets und stehe mit ganzem Herzen hinter den Themen und Leitprojekten, die der Initiativkreis Ruhr unterstützt, allen voran das Thema Bildung.
Wie ist Ihre persönliche Verbindung zum Ruhrgebiet?
Ich bin in Essen-Frohnhausen geboren und groß geworden, habe später in Bochum Biochemie studiert und war dann am Max-Planck-Institut in Dortmund. Später bin ich nach München “ausgewandert”, um in einem renommierten Labor zu promovieren. Ich bin tatsächlich 17 Jahre geblieben und es war eine tolle Zeit – und dennoch bin ich gerne wieder zurückgekommen. Jetzt habe ich zwei Heimatstädte, die vielleicht unterschiedlicher nicht sein können, Essen und München (lacht).





