„Oft wissen die Familien schlicht nicht, wo sie anfangen sollen“: Wir sprachen mit UZR-Community Scout Ana Bilinciuc

Juni 15, 2026 | Bildung

Zwischen Bürokratie und mangelnden Deutschkenntnissen fehlte vielen rumänischen Familien in Duisburg-Hochfeld lang eine Ansprechperson, die ihre Probleme versteht und ihnen hilft, sich besser einzuleben. Seit einigen Monaten ist Ana Maria Bilinciuc als neue Mitarbeiterin der Urbanen Zukunft Ruhr vor Ort unterwegs und kümmert sich um die Belange der Roma im Quartier. Fotocredit: Marc Albers.

Ana Maria Bilinciuc kam vor 12 Jahren aus Rumänien nach Duisburg. In Hochfeld hilft sie nun Roma-Familien als „Community Scout“ für die Urbane Zukunft Ruhr (UZR), Alltagshürden zu meistern. Ein Porträt.

 

 

Bitte stelle Dich doch einmal vor.

Ja gerne! Mein Name ist Ana Maria Bilinciuc, ich komme aus Rumänien, bin 38 Jahre alt, verheiratet und habe drei Kinder. In Deutschland lebe ich seit 12 Jahren und fühle mich hier zuhause. Deutschland ist meine neue Heimat geworden. Und seit 1. Januar 2026 bin ich jetzt Community Scout für die Urbane Zukunft Ruhr.

Was ist Deine Aufgabe als Community Scout bei der UZR?

Meine Aufgabe ist es, Roma-Familien hier in Hochfeld zu unterstützen. Zum Beispiel, wie sie sich weiterbilden können, wie das deutsche Schulsystem funktioniert oder wie sie einen besseren Job finden können. Ich bin die Schnittstelle zwischen den Familien und den Beratungsstellen.

Wie sieht Dein typischer Arbeitsalltag aus?

Morgens besuche ich die Familien und helfe typischerweise dabei, Briefe zu übersetzen oder erkläre, wie die Anmeldung an den Schulen funktioniert. Ich helfe aber auch dabei, eine Beratungsstelle oder einen Kitaplatz zu finden. Ich spreche zwar kein Romanes, aber die rumänischen Roma sprechen Rumänisch.

Was sind Deiner Erfahrung nach typische Alltagshürden für die Roma-Community?

Das wichtigste Problem ist die Sprache. Oftmals sind die Mütter – ich helfe in erster Linie den Müttern – nicht einmal alphabetisiert, sie können also nicht lesen und schreiben. Und schon gar nicht auf Deutsch. Deswegen stellt schon die Erstellung einer Emailadresse eine riesige Hürde dar. Oder das Kind ist sieben Jahre alt und noch nicht in der Schule, weil die Schulpflicht nicht bekannt ist. Auch finanzielle Unterstützung wird oftmals erbeten, das sind dann Familien mit sechs, sieben Kindern, in denen die Mütter nicht mal eben einen Teilzeitjob annehmen können. Oft wissen Sie auch nicht, dass sie ein Anrecht auf einen Kindergartenplatz haben, oder wie die Anmeldung funktioniert. Ich erkläre dann auch, wie wichtig der Kindergartenbesuch für die Sprachkenntnisse und die soziale Entwicklung der Kinder ist. Oft wissen die Familien schlicht nicht, wo sie anfangen sollen.

Wie wird Deine Rolle in der Community angenommen bzw. wahrgenommen?

Die größte Aufgabe ist das Aufbauen von Vertrauen. Dass ich nicht vom Jugendamt komme oder von der Polizei. Die Erfahrungen mit Behörden sind oftmals negativ. Und es braucht oft einige Besuche, bis die Familien Vertrauen gefasst haben und verstehen, dass ich da bin, um ihnen zu helfen. Wichtig ist, dass ich nur eine erste Unterstützung geben kann und kein Ersatz für eine Fachberatung durch Behörden, Sozialträger oder amtliche Stellen bin. Ich bin der Erstkontakt und helfe gezielt weiter.

Hast Du schon eine Erfolgsgeschichte zu erzählen?

Ja, habe ich! Zwei Jungs aus einer Familie konnte ich nach ihrem Schulabschluss in eine Ausbildung vermitteln. Sie wollten direkt arbeiten, weil sie das System Ausbildung nicht verstanden hatten und dachten, das Ausbildungsgehalt im 1. Jahr wäre das komplette Gehalt auf Dauer. Das System „Ausbildung“ muss ich also auch erst erklären.

Was wünschst Du Dir für den Stadtteil?

Die Schulen hier in Hochfeld sind richtig stark, die Unterstützung vor Ort ist groß. Aber ich wünsche mir noch mehr Vernetzung und noch mehr Unterstützung natürlich. Es fehlt an einem fördernden sozialen Umfeld und an Vorbildern. Den Frauen erzähle ich oft meine Geschichte: Anfangs waren mir alle Türen verschlossen, aber mit dem Spracherwerb wurde es immer besser. Ich sage immer: nicht aufgeben, irgendwann habt ihr es geschafft, wenn ihr dranbleibt!